Erschienen in der Neuen Westfälischen Zeitung
am 5. September 2006:


DIE FRAU IN DER GAMBENMUSIK


Bielefeld-Kirchdornberg. Sie sind wohl die treuesten, zugleich renommiertesten Stammgäste der “historischen” Peterskirchenmusikreihe. Vor 25 Jahren, wie Kantor und Impresario Hans-Martin Knappe mit Blumendank nachschickte, ist das Marais Consort um Gründerchef Hans-Georg Kramer hier erstmalig aufgetreten und steht inzwischen im In- und Ausland für Gambenmusik der Spitzenklassse.
Ihr diesmal präsentiertes Programm drehte sich unter dem Liedtitel “La Organistina bella” um die Frau in der Musik der Spätrenaissance und des frühen Barock. Als komponierendes Subjekt war sie in der männerdominierten Musikwelt selbst dieser betont aufgeschlossenen Epoche eine Rarität. Immerhin wurde man – wobei frau in der aktuellen Marais-Formation mit Hans-Georg Kramer, Rebeka Rusó, Hermann Hickethier, Irene Klein und Ingelore Schubert am Cembalo in der Überzahl ist – bei zwei Settecento-Vertreterinnen fündig: Schön canzonen-streng klang’s zum Eingang bei der Tessiner Klosterschwester Claudia Francesca Rusca, aufregend improvisatorisch durchblitzt in einer Sinfonia der Leonora Duarte.
Als kompositorisches Objekt war das schöne Geschlecht umso präsenter. Überaus klanggewichtig und echoverspielt etwa Adriano Banchieris Huldigung an oben genannte “schöne Orgelspielerin”, der noch weitere Damen-Canzonen und Fantasien in wunderschöner dynamischer und imitatorischer Durchzeichnung folgten … Noch vielfältiger dokumentierten die Marais den melodisch drall bis überbordend gesetzten Tanzlied-run aufs “braune Mädelein”, den vom Antwerpener Drucker Tilman Susato besorgten Ohrwurmhit des Jahres 1511.
Mit Samuel Scheidts groß angelegtem Variationszyklus darüber setzte die großartige Ingelore Schubert so virtuos-hochgestimmt wie beschlagen kunstvoll ein Glanzlicht und wurde dafür ausweislich des Beifalls vom Dornberger Kenner-Publikum als ungekrönte Königin des Konzerts gefeiert.
Weiters ließ das Marais-Gambenquartett ausdrucksvolle Klangsinnlichkeit in Liebesmadrigalen des Spaniers Juan Vasques, seidig melancholisches Flair in Eustache du Caurroys Fantasien über “Une jeune fillette” hören. Zum hochbarocken Kehraus wurde nach zwei leicht klangspitz intonierten Préludes mit einer Sarabande und Gigue von Marc-Antoine Charpentier aufgespielt. Schließlich sind Frauen auch zum Tanzen absolut unentbehrlich.


MICHAEL BEUGHOLD

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